Beatrix Altmann-Schmitt · Interview

LONS zeigt „Little Massai“ in der Bettendorffschen Galerie

Interview: Beatrix Altmann-Schmitt

Altmann-Schmitt: Ich möchte Ihnen heute den Maler und Designer Jörg Künkel vorstellen, der unter dem Namen LONS künstlerisch tätig ist. LONS hatte 2009 bereits eine erfolgreiche Ausstellung hier in der Bettendorffschen Galerie. Damals zeigte er kleinformatige Arbeiten auf Schichtholz, Bildserien mit archaischen Motiven, die an Höhlenzeichnungen erinnerten.
Heute zeigt LONS zum ersten Mal seine neusten Skulpturen. Auch wenn er von der Fläche in den Raum gewechselt ist, bleibt er seinem Thema dennoch treu. Seine Skulpturen erinnern, ähnlich wie seine Bilder, an primitive Kunstformen. Und wie seine künstlerischen Vorbilder, agiert LONS als Jäger und Sammler. Seine Figuren und Objekte bestehen ausschließlich aus Fundstücken, die er in der Natur findet oder auf Flohmärkten, in Scheunen oder bei anderen Gelegenheiten „erjagt“. Auch wenn der Zufall eine gewisse Rolle spielt sind seine Arbeiten doch bis ins Detail konzeptionell durchdacht.


LONS, Du hast die Technik geändert, bist aber Deinen Themen treu geblieben. Was fasziniert Dich an der sogenannten primitiven Kunst?

Picasso hat irgendwann mal die berühmte Höhle von Lascaux im Süden von Frankreich besucht und war sehr beeindruckt von der Kunst der Cro-Magnon-Menschen aus der Altsteinzeit. Er sagte damals: „Wir haben nichts dazu gelernt.“ Stimmt, auch ich bin fasziniert, was Menschen bereits vor 20 oder 30.000 Jahren an „Kunstwerken“ hinterlassen haben, auch wenn das für sie keine Kunst war, wie wir sie heute verstehen, sondern eher schamanischen Ritualen diente. Leider haben sich nur die Spuren erhalten, die in geschützten Höhlen über die Jahrtausende perfekt konserviert wurden und deshalb erhalten blieben. Das Meiste ist unwiederbringlich verloren. Ich bin sicher, die Bedeutung ihrer „Kunst“ wäre sonst noch viel höher.

Du verwendest ausschließlich Materialien, die man gemein hin wohl eher als Schrott oder Abfall bezeichnen würde. Was fasziniert dich an diesem Material?

Ich bin Jäger und Sammler und hatte schon immer eine starke Affinität zu Dingen, die man in der Natur findet – Steine, Muscheln, Hölzer, Blätter etc. Jeder kennt wahrscheinlich das Gefühl, wenn er am Meer eine tolle Muschel findet. Diese von der Natur geformten Dinge sind oft wunderschöne Kunstwerke, die man nicht verbessern kann – höchstens neu arrangieren. Wenn ich mit meinem Hund spazieren gehe, habe ich fast immer eine große Tüte und eine stabile Klappsäge dabei.

Aber die Bestandteile Deiner Skulpturen sind ja eigentlich keine reinen Naturprodukte, oder?

Das stimmt. Meine Skulpturen bestehen nur aus Dingen, die von Menschen geformt, bearbeitet und genutzt wurden. Irgendwann wurden sie nicht mehr gebraucht und in einer alten Scheune deponiert oder weggeworfen. Nehmen wir mal dieses Stück Holz hier (Little Massai | Cleopatra); das habe ich am Altrhein gefunden. Wahrscheinlich stammt es von einem Fischerkahn, denn man sieht noch Reste von Teer, der früher zur Abdichtung eingesetzt wurde.
Oder nehmen Sie das Leder. Das war mal eine alte Kinderlederhose. Die war völlig zerschlissen und kaputt, aber für meine Zwecke ideal. Ich habe sie in Frankreich auf einem Flohmarkt entdeckt und für einen Euro gekauft. Die Frau fragte mich noch, ob ich die etwa für meine Kinder haben wollte. Ich konnte sie beruhigen.

Du verwendest also nur alte, gebrauchte Teile und hauchst ihnen neues Leben ein?

Jedes Produkt und jedes Lebewesen hat einen Lebenszyklus. Bei vielen Dingen, die wir heute im Gebrauch haben, wie Handys oder Computer, beträgt dieser Lebenszyklus oft nur wenige Jahre oder sogar Monate. Dann sind diese teuren Dinge nichts mehr wert und fliegen auf den Müll.
Diese alte Gartenharke dagegen wurde von Hand geschmiedet. Sie ist sicher schon 100 Jahre alt und hat wahrscheinlich die letzten 30 Jahre in irgendeiner Scheune rumgelegen. Vergammelt, verrostet – aber keineswegs wertlos. Denn jetzt ist sie ein Teil einer Skulptur und hat damit ihren Wert zurückbekommen – sogar einen viel höheren als früher. Sie sehen: Kunst als Geldanlage funktioniert:-)

Willst Du uns damit sagen: Werft nicht leichtfertig alles weg, sondern hebt die Dinge auf? Ist das Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft?

Ja und nein. Wir können nicht alles aufheben. Und Vieles ist auch nicht wert, dass man es aufhebt. Handys und andere industrielle Massenprodukte sollte man nicht aufheben, sondern möglichst intelligent recyceln. Es gibt aber Dinge, die einen Wert haben und ihn auch nicht verlieren.
Das Problem ist doch: Wir produzieren immer neue Waren, wir holen dafür die letzten Ölreste aus dem Boden, wir verbrennen die letzten Regenwälder und vernichten riesige Flächen – am liebsten in Afrika wo sich die Menschen nicht wehren können. Wir glauben, dass es billiger ist, neue Rohstoffe zu gewinnen, als die alten zu recyceln. Für uns stimmt das sogar, aber die Menschen in Afrika oder Indien zahlen einen hohen Preis dafür.

Du willst mit Deinen Arbeiten also eine politische Botschaft verbreiten?

Ich bin kein Missionar. Jeder kann selbst entscheiden, ob und warum ihm meine Arbeiten gefallen. Er kann die Skulpturen auch einfach schön finden. Vielleicht gelingt es mir aber den Blick etwas zu schärfen für den wirklichen Wert von Dingen. Bis diese schöne alte Harke fertig geschmiedet war, hat ein Schmied mehrere Stunden daran gearbeitet. Diese Arbeit steckt in dem alten Ding und bleibt auch drin. Ob mein iPhone jemals so wertvoll wird, bleibt abzuwarten.

Eine letzte Frage: Warum nennst Du die Skulpturen „Little Massai“?

Ganz einfach. Meine Figuren sind klein, hoch und schlank und hoffentlich schön. So wie die Massai, eine Volksgruppe, die im Süden Kenias und in Tansania beheimatet ist. Die Massai leben bis heute als Nomaden. Ein stolzes, aber primitives Volk mit sehr archaischen Ritualen. Die Namen der Skulpturen stammen allerdings aus verschiedenen afrikanischen Sprachen. Was die Namen bedeuten, sehen Sie auf den Schildern am Sockel.

Vielen Dank, dass Du uns einen kleinen Einblick in Deine Arbeit gegeben hast. Und nun wünschen wir unseren Besuchern viel Spaß beim Besuch der Ausstellung.