Interview

„Ich überlasse nichts dem Zufall, ich nutze ihn.“

Warum malst Du?
Nicht zu malen, ist keine Option für mich.

Möchtest du etwas zu deinen Bildern sagen?
Nein. Um sich an einem Bild zu erfreuen, muss man nicht unbedingt wissen, was der Künstler sich dabei gedacht hat. Oder um Christoph Schlingensief zu zitieren: „Kunst wird erst dann interessant, wenn wir vor irgendetwas stehen, das wir nicht restlos erklären können.“

Tragen Deine Bilder deshalb Titel wie „mashambani“ oder „kijani“?
Diese Titel haben nur für mich eine Bedeutung. Das können Assoziationen, Erinnerungen oder auch ganz banale Dinge sein, die mich gerade beschäftigen. Der Betrachter soll meine Bilder unbeeinflusst wahrnehmen. Deshalb wähle ich meist Bildtitel, die nichts vorgeben und alle Interpretationen zulassen.

Und was sagst Du einem Betrachter, der dich fragt, was Deine Titel bedeuten?
Nichts oder: „Finde es heraus“. Entscheidend ist doch nur, ob ihn die Arbeit anspricht. Dann können wir darüber reden und uns austauschen. Ich bin gespannt auf seine Eindrücke und seine Assoziationen. Vielleicht sieht er Dinge, die mir bisher nicht aufgefallen sind.

Wie entstehen Deine Bilder?
Ich habe keinen Plan, ich mache keine Vorzeichnung, ich fange an und schaue, was passiert. Das bewusste Handeln tritt erst einmal zurück, ich werde zum Beobachter. Farben fließen ineinander, überlagern sich und plötzlich entsteht etwas, das mich inspiriert und mir zeigt, wie es weitergehen kann. Das macht die Faszination der informellen Malerei für mich aus.

Also spielt der Zufall bei Deinen Arbeiten eine große Rolle.
Ja und nein. Oft passiert etwas auf der Leinwand, das so nicht geplant war. Dann nutze ich diese glückliche Fügung. Das ist wie in der Fotografie: In dem Moment, in dem ich auf den Auslöser drücke, fliegt vielleicht ein Vogel durchs Bild. Das kann stören, dann mache ich eine neue Aufnahme. Vielleicht macht das aber den Reiz der Aufnahme erst aus und macht das Bild einzigartig. Genauso ist es beim Malen. Ich überlasse nichts dem Zufall, aber ich nutze ihn.

Wie lange arbeitest Du an Deinen Bildern?
Lang. Sehr lang. Meine Bilder entstehen in einem Prozess, der sich über Tage oder Wochen hinzieht, manchmal auch noch länger. Deshalb arbeite ich immer an mehreren Bildern gleichzeitig. Wenn ich nicht weiterkomme, stelle ich Bild weg und arbeite an den anderen, bis ich eine Form gefunden habe, die mich überzeugt. 
Manchmal geht es dann sehr schnell. Das sind die Glücksmomente, wenn man spürt, dass es gut wird. Diese Chance muss man nutzen. Am Ende kommt es dann darauf an, den richtigen Zeitpunkt zu finden, aufzuhören. Ein paar Pinselstriche zu viel, ein falscher Farbton und alles ist dahin. Dann muss man ganz von vorne anfangen. Das Spontane, das die Qualität einer Arbeit ausmacht, ist verloren und das sieht man. Ein richtig gutes Bild ist immer aus einem Guss oder wie Helen Frankenthaler sagt: „A really good picture looks as if it´s happened at once.“

Du sagst, Deine Bilder sind nie fertig. Wie meinst Du das?
Jeder Mensch entwickelt sich. Auch ich als Künstler. Wenn ich heute ein Bild beende, dann ist es perfekt in diesem Moment. Sonst würde ich nicht aufhören. Ein paar Wochen, Monate oder Jahre später sehe ich das aber vielleicht anders. Dann gehe ich noch mal ran. Es macht für mich keinen Sinn, Arbeiten aufzuheben, die meinem Anspruch nicht oder nicht mehr genügen. Und ich habe den großen Vorteil, dass ich meine Bilder beliebig oft überarbeiten kann und dass jede Überarbeitung sogar mehr Tiefe bringt.

Was bedeutet das?
Ich verwende überwiegend Acrylfarben und spezielle Tuschen, die ich mit Sand oder Kreide mische. Dadurch entsteht ein pastoser, reliefartiger Farbauftrag, der die Spuren der Bearbeitung bewusst sichtbar macht. Bei jeder Übermalung wird dieser Effekt verstärkt, das Bild bekommt immer mehr Struktur und Tiefe. Meine Energie, die in die Arbeit eingeflossen ist, bleibt immer spürbar und auch dezent sichtbar, wenn man genau hinschaut. Am seitlichen Rand, den ich ganz bewusst unverändert lasse, kann man den Entstehungsprozess sehr schön nachempfinden. 

Du stellst Deine Arbeiten seit vielen Jahren aus. Was macht für Dich eine gute Ausstellung aus?
Eine Ausstellung ist aus meiner Sicht gut, wenn der Besucher etwas davon hat. Wenn er etwas entdeckt, das er vorher nicht kannte, oder wenn sich ein interessanter Dialog entwickelt. Für mich ist jede Ausstellung auch die Chance, ein Feedback zu bekommen, zu lernen, wie man es besser machen kann – wie ich besser werden kann.

Aber Du willst doch auch verkaufen, oder?
Natürlich will ich meine Arbeiten nicht nur zeigen, sondern auch verkaufen. Aber eins habe ich als Agenturchef gelernt: Wenn ich etwas verkaufen will, muss ich dem Kunden zuerst was bieten. Eine tolle Location, spannende Arbeiten, neue Seherlebnisse, interessante Gespräche. Henry Nannen hat das mal wunderbar auf den Punkt gebracht. „Erst müssen wir die Kirche voll kriegen, dann können wir predigen.“

Da hast früher eine Werbeagentur geführt. Hast Du bereut, dass Du nicht schon früher mehr Kunst gemacht hast?
Nein. Als ich angefangen habe, Design zu studieren, war das noch ein völlig anderes Studium als heute. Es gab kaum Vorlesungen, dafür aber Kurse für Malerei, Aktzeichnen, Typografie oder Siebdruck. In der Zeit habe ich sehr viel gemalt und auch an Ausstellungen teilgenommen. Die Malerei war immer da.
Nach dem Studium stand natürlich der Aufbau meiner Agentur im Vordergrund, die künstlerische Arbeit habe ich aber nie aufgegeben, auch wenn das mehr am Wochenende stattfand. Der große Vorteil, den ich sehe: Ich muss mir heute keine Gedanken um meine wirtschaftliche Situation machen und kann tun, was ich will. Henri Matisse hat einmal gesagt: „Alle Künstler sollten einen Beruf lernen, um frei zu sein. Dann kann man ehrlich malen und braucht sich nicht um den Geschmack der Anderen zu kümmern.“

Du präsentierst Deine Arbeiten nicht nur auf Deiner Website lons.de, sondern auch bei Instagram. Was hat Dich dazu bewogen?
Ich habe mit Instagram angefangen, als durch Corona alle Möglichkeiten, Kunst zu zeigen, wegfielen. Ich wollte aber trotzdem sichtbar bleiben und den Kontakt zu Freunden und Kunden aufrechterhalten. Natürlich geht nichts über die Präsentation in einer Galerie oder einem Kunstverein. Nur dort kann man ein Bild wirklich sehen, beurteilen, riechen, spüren … 
Das Internet spielt aber inzwischen eine wichtige Rolle und die wird immer wichtiger. Über die sozialen Kanäle kann ich Menschen auf der ganzen Welt erreichen, die meine Arbeiten sonst nie zu sehen bekommen hätten. Ich kann mich mit Anderen austauschen und Kontakte knüpfen. Und das ist heute entscheidend. Es genügt schon lange nicht mehr, einfach gute Bilder zu malen, man muss heute ein Netzwerk aufbauen, um wahrgenommen zu werden. Als Agenturmensch würde ich sagen: „Erfolgreiche Kunst bedeutet 10 Prozent Talent und 90 Prozent Marketing.“  

Ist das nicht ein bisschen extrem?
Nein. Wenn man ein wenig bei Instagram recherchiert, sieht man, wie viele herausragende Künstler es weltweit gibt. Die wollen alle ausstellen, verkaufen, erfolgreich sein. Das macht demütig und schärft den Blick für die eigene Arbeit. Und es zeigt, wie wichtig es ist, sich als Künstler darzustellen und zu vermarkten, auch wenn der Begriff Vielen negativ aufstößt. Bekannte Künstler schaffen es, ihre Person oder ihre Arbeiten wie eine Marke zu positionieren und so ein Alleinstellungsmerkmal zu schaffen, das sie von anderen unterscheidet.

Wie sehen Deine künstlerischen Pläne für die Zukunft aus?
Meine frühen Arbeiten erinnern ein wenig an prähistorische Höhlenmalereien. Das waren meist kleinformatige Bildserien auf Schichtholz. Im Laufe der Jahre wurden die Bilder größer und ich habe mich immer stärker in Richtung Informelle Malerei entwickelt. Im Moment sieht es so aus, dass dieser Trend weitergeht und die Arbeiten eher noch größer werden. Aber wer weiß schon was morgen kommt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Das Interview führte Beatrix Altmann-Schmitt, Kunsthistorikerin M.A.